Die Wochenlesung des vergangenen Wochendes, „Behaalotcha“ – wenn du anzündest – 4. Mose 8,1-12,16, enthält eine Reihe von Anordnungen. Diese beginnen für Aaron mit dem Gebot die Lichter der Menora zu entzünden. Aaron, der Hohepriester und „erster Mann“ des Stammes Levi war nicht aufgerufen, sich an den feierlichen Opfern der Stammesfürsten (4. Mose 7) zu beteiligen. Hatte der Ewige etwas gegen ihn vor zu bringen? – vielleicht wegen seines Fehlverhaltens in der „Goldenes Kalb“-Angelegenheit? Nein, der Ewige hatte viel bedeutendere Aufgabe an Aaron. Die vorangegangenen Opferfeierlichkeiten waren ein einmaliger Akt. Auf das brennen der Lichter der Menora war jedoch jeden Tag neu zu achten, solange der Tempel stand.
Rambam erkennt hier einen Hinweis, eine Vorschattung auf die spätere jüdische Geschichte, als zur Zeit der Makkabäer die Nachkommen von den Aaron den Kampf gegen die Seleukiden aufnahmen, der schließlich mit dem „Chanukka“-Wunder endete. Aaron konnte gewiß sein, dass auch seine Erben sich als würdig erweisen würden, Fahnenträger des göttlichen Lichts zu sein – symbolisiert in der Menora. Es ist interessant, dass die Hasmonäer vom 25. Kislew 163 v.u.Z. (Beginn des Chanukka-Festes) bis zum 2. Tewet das Sukkot-Fest nachholten, das zu feiern ihnen von den hellenistischen Religionsverfolgern verboten war. Nachzulesen in den Büchern der Makkabäer. Zwi Braun schreibt auch an dieser Stelle dazu: Wie sagten unsere Chachamim, (Weisen)? „Es gibt nichts, was in der Tora nicht schon angedeutet wäre.“ (Taanit 9a)
Seit etwa 3 Monaten steht die Menora des Tempelinstitus, die zuvor im Cardo stand ,im Freien mit Blick auf den Ölberg
Wir hören weiter von einem „zweiten Durchgang“ der Pessachfeier. Diese Möglichkeit genau einen Monat später konnten solche in Anspruch nehmen, die gegebenenfalls aus akutem Anlass in Beziehung zu einer Menschenperson „unrein“ geworden waren. Da gibt es verschiedene Auslegungen der Weisen, die hier nicht besprochen werden sollen. Dieser „zweite Durchgang“ findet auch heute, z.B. bei Krankheit zum regelrechten Zeitpunkt, Anwendung.
Der dritte Abschnitt in „Drei Minuten Ewigkeit“ von Zwi Braun zur Wochenlesung nahm meine Gedanken jedoch in besonderer Weise in Beschlag. Es geht um die Verse 35.36 in Kapitel 10: „Und wenn die Lade aufbrach, so sprach Mose: „HERR, steh auf! Laß deine Feinde zerstreut werden und alle, die dich hassen, flüchtig werden vor Dir!“ Und wenn sie sich niederließ, so sprach er: „Komm wieder HERR, zu der Menge der Tausende in Israel!“
Diese beiden Verse weisen im Tenach eine Besonderheit auf, denn sie werden zu Beginn und am Ende von je einem spiegelverkehrten „nun“ eingerahmt (siehe Bild).
Die Frage ist nun, was bedeut diese Auffälligkeit? Viele Gelehrte – das bedeutet natürlich viele Erklärungen! An dieser Stele möchte ich die Ansicht von Rabbi Jehuda Hanassi zu Wort kommen lassen (er wurde in seiner Ansicht unterstützt von Rabbi Schmuel bar Nachmann im Namen von Rabbi Jonathan), der diesen Abschnitt als ein eigenes „Sefer (Buch) Tora darstellt – gebildet durch die beiden spiegelverkehrten „nun“ und den Text dazwischen das 4. Buch Mose in drei Bücher aufteilt und somit die gesamte Tora als „die sieben Bücher der Tora“ bezeichnet. S.R. Hirsch schreibt dazu:
„Es ist die Lade des von ihm überbrachten Gesetzes, deren Aufbruch und Einkehr Mosche mit der Aufforderung zu Gottes Aufbruch und Gottes Einkehr begrüßte. In den Zügen dieses, Seines Gesetzes erblickte Mosche somit die Züge Gottes auf Erden. Wo dieses Gesetz seine Stätte nicht findet, da ist keine Stätte für die Gottesgegenwart. Und wo sich diesem Gesetz die Stätte bereitet, da gestaltet sich eine Stätte für die Gottesgegenwart auf Erden. Und es erkannte Mosche, dass dieses Gesetz von vornherein seinen Eintritt auf Erden in weiten Kreisen Feinde und Hasser zu erwarten habe. Seine Aufforderung des Rechts und der Liebe stehe zu sehr im Gegensatz zu den Diktaten der Gewalt und der Selbstsucht. Und doch erkannte Mosche in Seinem Gesetz den letzten Sieger auf Erden. Darum sprach er, wenn er die Gotteslade Seines Gesetzes aufbrechen sah, die Zuversicht aus, dass dieses Gesetz seinen Rundgang auf Erden vollenden werde.”
Und weiter Zwi Braun: Auf seinen zahllosen Wanderungen durch die Weltgeschichte nahm das jüdische Volk seine Tora überall mit. Wo immer sich der Jude mit der Tora befasste, dort war auch die „Schechina“, die göttliche Allgegenwart; dort waren aber auch Feinde und Hasser. Und dennoch! Das jüdische Volk, und mit ihm Gott, kehrte in seine angestammte Heimat nach Eretz Jisrael zurück. Somit enthalten diese zwei Sätze Aufgabe und Endziel jüdischer Geschichte und sind in der Tat ein eigenes Sefer Tora!
Anmerkung: Rabbi Jehuda wurde nach jüdischer Überlieferung im Jahr 135 u.Z. geboren im Jahr als Rabbi Aqiba starb. Weiter ist über ihn zu lesen: Jehuda „ha Nasi“ – Patriarch - nannten die Römer und auch die Kirchväter die Führer der Juden in rabbinischer zeit im damaligen Palästina. Der jüdische Patriarch schlechthin wurde Rabbi Jehuda, der deshalb auch den Beinamen “ha-Nasi” (=Patriarch, Fürst) erhielt. Er war der Sohn Simeons ben Seine Autorität beruhte nicht nur auf dem Vorsitz des Sanhedrin (= Hoher Rat), den er inne hatte, sondern auch auf seiner umfassenden Gelehrsamkeit, die gepaart war mit einer Bereitschaft zu Kompromissen. Beide Eigenschaften machten ihn zu einem angesehenen Repräsentanten seines Volkes und befähigten ihn zu der Sammlung und Redaktion der jüdischen Lehrtraditionen, die in der Mischna ihren Niederschlag fand.
Samuel Raphael Hirsch, 1808-1888, Rabbiner und Schriftsteller vertrat das orthodoxe Judentum im 19. Jahrhundert und war Begründer der modernen Orthodoxie. Es ist davon auszugehen, dass auch S.R. Hirsch mit dem Wort „Gesetz“ nicht die legalistische Gesetzesform meinte, sondern die „Lehre“ der Tora – denn das Wort Tora bedeutet Lehre!
Ob wohl jemand aus meinem Leserkreis sich mit mir freuen kann über solche Entdeckungen, wie sie die Tora bereithält in Verbindung mit jüdischer Gelehrsamkeit – wie wir es hier anhand zweier spiegelverkehrter „nun“ um einen wichtigen Text hervorzuheben, erfahren können? Immerhin: in aller Zeit der Zerstreuung hat die Tora für die Juden niemals ihre hohe und heilige Bedeutung verloren – in den Todeslagern des Dritten Reiches sind die Juden mit dem „Sh’ma Jisrael“ in die Gaskammern gegangen – und heute, 2000 Jahre nach der letzten Zerstreuung (70 u.Z. nach der Zerstörung des zweiten Tempel), gibt es eine Nation – Israel. Ja, die Lehre - die Tora, wird ihren Rundgang auf Erden vollenden - die Endrunde ihres Laufes ist eingeläutet, wenn auch die Zielmarke noch nicht sichtbar ist! – Baruch HaShem – gelobt sei GOTT! - der Messias Israels ist auf dem Weg!
Mit herzlichem Schalom - AhuvaIsrael
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