Schon lange war es mir ein Anliegen, dieses bei Christen und anderen gebräuchliche “Auge um Auge” einmal richtig zu stellen. In Bezug auf Israel wird es gerade in der Zeit des Nahost-Konflikts als antijüdisches und anti-israelisches beliebtes Negativum von Christen wie in print- und elektronischen Medien von Kommentatoren, Moderatoren u.a.m. gegen Israel verwendet.
Leider ist das hebräische “Ajin tachat ajin” in zumindest allen deutschsprachigen Bibeln als “Auge um Auge” übersetzt. Für “tachat” steht im hebräischen Wörterbuch jedoch “für” und wer den gesamten Text zumindest ab 21, 12 – 22,16 liest kann selber bestens erkennen, dass es hier nicht um “Rache” im Sinne: “so wie du mir – so ich dir” handelt. Glücklicherweise habe ich nun den Artikel von Rabbiner David Bollag gefunden, den ich irgendwann, irgendwo heraus kopiert hatte.
Auge für Auge – von Rabbiner David Bollag, Jerusalem
Eines der hartnäckigsten antijüdischen Vorurteile drückt sich in den Worten “Auge um Auge”, aus. Mit diesen angeblich aus der Thora stammenden Worten wird uns Juden bis heute vorgeworfen, Rache sei das Prinzip unseres Verständnisses von Gerechtigkeit, unser Gott sei – im Unterschied zum «christlichen» Gott – ein grausamer und rachsüchtiger Gott und Frieden mit dem Volk- und Staat Israel sei deshalb niemals möglich.
Die Übersetzung und die Interpretation der in unserem Wochenabschnitt vorkommenden Worte «ajin tachat ajin» (21:24) als «Auge um Auge» ist vollkommen falsch. Sie widerspricht dem jüdischen Verständnis der Thora und ist meistens Ausdruck einer antisemitischen Grundeinstellung. Sie widerspiegelt häufig das Rechtsverständnis und die Rachsüchtigkeit der Person, welche die Thora falsch versteht und verurteilt (Kol hapossel, bemumo possel).
«Ajin tachat ajin» bedeutet Auge für Auge» und beinhaltet ein grundlegendes halachisches Prinzip. Ein Mensch, der einem anderen Menschen eine Verletzung zugefügt hat, wird von der Thora verpflichtet, die Verletzung finanziell zu entschädigen. Unsere mündliche Thora erklärt und diskutiert ausführlich (Bawa Kama, Kap. 8), dass diese finanzielle Entschädigung auf fünf Gebieten zu leisten ist:
- Schadenersatz,
- Schmerzensgeld,
- Heflungskosten,
- Arbeitsausfallersatz
- und Schamgeld. I
In keiner jüdischen Quelle ist die Rede davon, dass einem Menschen, der einem anderen – mit oder ohne Absicht – ein Auge ausgeschlagen hat, als Strafe dafür sein eigenes Auge ausgeschlagen werden soll.
Die exegetische Literatur kennt natürlich das alte Vorurteil von «Auge um Auge» und wehrt sich mit drei Hauptargumenten dagegen:
1. Tradition und Praxis
Es hat in der ganzen jüdischen Geschichte nie ein Bet Din (rabbinisches Gericht) gegeben, das einem Menschen ein Auge ausgeschlagen hat, als Strafe dafür, dass dieser einem anderen ein Auge ausgeschlagen hat.
Seit der Offenbarung am Berg Sinai bis heute ist jedem rabbinischen Gericht klar, was „ajin tachat ajin“ bedeutet: Der Angeklagte muss die Verletzung, die er einem anderen zugefügt hat, finanziell entschädigen (vgl. z. B. Rambam, Hilchot Chowel u Masik 1:6, Hakdama le Perusch ha Mischna). Jüdische Tradition und Praxis allein sind Beweis dafür, dass „ajin tachat ajin“ nicht „Auge um Auge“ heißen kann, sondem dass es sich hier um eine finanzielle Entschädigung handelt: Auge für Auge.
2. Sprache
Das Wort «tachat» in der Formulierung „ajin tachat ajin“ wird bei der falschen Interpretation der Thora als „Auge um Auge“ übersetzt und soll die Basis des alten „biblisch-jüdischen, Prinzips von „wie du mir, so ich dir” beinhalten.
Diese Interpretation ist Zeugnis mangelnder Kenntnis und eines fehlerhaften Verständnisses des Textes und der Sprache der Thora. Es finden sich einige Stellen in der Thora, welche das Wort „tachat” verwenden – sowohl in unmittelbarer Nähe unseres Verses (21:36, 37) wie auch an ganz anderer Stelle (3. Mose 24:18) welche explizit erklären, dass die Strafe des Täters aus einer finanziellen Entschädigung für den zugefügten Schaden besteht. Dieses Wort findet sich also in der Thora einige Male mit der Bedeutung dass ein Schaden finanziell zu begleichen ist (vgl. Rarmban zur Thora, zu unserer Stelle). Das Wort „tachat“ als Beweis anbringen zu wollen, dass „ajin tachat ajin“ als ‚Auge um Auge’ zu verstehen sei, ist demnach falsch und ist Ausdruck einer offensichtlichen Unkenntnis der Sprache der Thora.
3. Verstand
«Ajin tachat Ajin» als «Auge um Auge» zu interpretieren, widerspricht jeglicher Vernunft und jeglichem Sinn für Gerechtigkeit. Die der antijüdischen Polemik ausgesetzten jüdischen Exegeten und Denker weisen in ihrer differenzierten Argurnentation auf eine Fülle von juristischen Fällen hin, in denen die Sinnlosigkeit und Ungerechtigkeit des Prinzips «Auge um Auge» offensichtlich wird. Wenn beispielsweise ein Mensch, der nur auf einem Auge sieht, einem anderen Menschen, der zwei gesunde Augen hat ein Auge ausschlägt und ihm zur Strafe das eine gesunde Auge ausgeschlagen werden soll, so zeigt sich die Ungerechtigkeit dieses Prinzips. Denn während der eine dem anderen durch das Ausschlagen eines Auges einen schmerzhaften dauernden Schaden zugefüg hat, würde die Strafe in keinem vernünftigen Verhältnis zum zugefügten Leid stehen, da dem Täter das Augenlicht genommen würde und er somit erblinden würde. (vgl. Kusari 3:47, Ibn Esra zur Thora, zu unserer Stelle).
Da für uns Juden klar ist, dass die Thora keine sinnlosen, jedem Sinn von Gerechtigkeit entgegen gesetzten Prinzipien aufstellt, kann mit den Worten «ajin tachat ajin» nur gemeint sein, dass der Täter seinen Schaden finanziell zu begleichen hat.
Eigentlich wollen und dürfen wir uns keine Illusionen machen, dass es uns mit einigen, wenn auch noch so schlagkräftigen und überzeugenden Argumenten, gelingen könnte, einem uralten und tief verwurzelten Vorurteil den Boden unter den Füssen zu nehmen. Doch erstens wollen wir für uns selbst genau wissen, weshalb „ajin tachat ajin“ ‚Auge für Auge’ bedeuten muss, und zweitens wird es uns dadurch in kleinen Schritten vielleicht doch eines Tages gelingen, zu beweisen, was die Thora mit den Worten „ajin tachat ajin“ wirklich meint.
Noch eine Anmerkung AhuvaIsrael: In meiner beruflichen Zeit als Lehrerin für Physiotherapie an der entsprechenden Schule an einer Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik habe ich viele Male erfahren, was z.B. Unfallverschuldner durch ihre Versicherungen an den Geschädigten zahlen müssen. Es sind genau festgesetzte finanzielle Sätze – z. B. sind die Kosten für eine verlorene Hand höher als für einen verlorenen Unterschenkel usw. Hier wird ganz genau nach diesen biblischen Prinzipien verfahren – denken wir einmal darüber nach!!! – bevor wir weiterhin das “Auge um Auge” als Negativum gegen Israel verwenden!!!
Abgelegt unter: Heilige Schrift / Wochenlesungen
Danke für diesen sehr guten Beitrag.
Vielen Dank für das feedback
So etwas ist doch sehr notwendig und ich freue mich sehr darüber. Mit herzlichem Schalom AhuvaIsrael
Dieser Beitrag ist sehr gut und sehr wichtig, er sollte in allen christlichen Kirchenblättern veröffentlicht werden.
Schade, dass hier allgemein gegen Christen geschrieben wird. Das zeugt leider von wenig Sensibiltät bzw. eher Unkenntnis der heutigen verschiedenen Christengruppierungen. Was ist mit den Christen, die pro-israelisch und pro-jüdisch sind? Als aktiver Christ, der viel Zeit für ein positives Israel-Bild und das Judentum einsetzt, fühle ich mich mit dieser Verallgemeinerung diskriminiert. Genau solche Verallgemeinerungen zerstören gute Beziehungen! Ich verurteile ja auch nicht die Juden insgesamt, weil bestimmte jüdische Gruppierungen radikal sind.
Ich bin Christ und für mich ist mein Herr der Dreieinige!
Jesus war und ist Jude und von ihm stammen wir alle ab!
Wer etwas gegen das jüdische Volk hat, hat auch was gegen mich!!!
Ich kenne leider sehr viele Menschen, die anti sind, aber was ich nun gar nicht verstehe, sie sind pro Moslem?! Das hat doch nichts mit uns zu tun oder sehe ich das falsch!?
Shalom Jerusalem!